Leseproben – Jetzt schon in das unveröffentlichte Buch eintauchen!




Es gab Tage, an denen ich es ganz gut hinbekam, Tage, an denen ich mich wieder in den Schlaf weinte, und Tage, an denen ich jemanden anrufen musste, weil ich es alleine nicht schaffte und total in meiner Trauer versank. Der Gedanke, dass jetzt eine andere Frau auf meiner Matratze, neben meinem Mann, in meinem Bett, in meinem Schlafzimmer, in meinem Zuhause mit meinen Kindern lag, war unerträglich. Die Abstände zwischen diesen furchtbar traurigen Tagen, an denen ich mir wirklich schon ein paar Mal überlegt hatte, einfach von meinem Balkon über fünf Stockwerke in die Tiefe zu springen, wurden immer größer. An diesen Tagen wollte ich einfach nur, dass es aufhört. Es war zu viel! Es würde sich nichts ändern. Ich konnte nichts ändern. Ich war allein und hatte so vieles verloren und war dadurch in einer tiefen Trauer gefangen, und der Tod schien der einzige Ausweg zu sein. Das Einzige, was mich davon abgehalten hat zu springen, waren meine Kinder. Wäre ich gesprungen, würden sie danach in eine tiefe Trauer geraten und ich wäre schuld daran gewesen. Nein, das wollte ich nicht, denn ich liebte meine Kinder über alles und für diese Drei würde ich jetzt kämpfen…

Pilgerpass für den Jakobsweg



Bild aus dem Buch „Denn das hast du getan“

Alleine und in einer trüben Stimmung verließ ich die Herberge. Später, nur einige Meter von der Herberge entfernt, spürte ich, wie sich meine Augen füllten, und gleich darauf brachen alle Dämme und ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Schon
wieder! Schluchzend lief ich weiter und weinte durchgehend.

Dieses Abschiednehmen ist genau das, was mir so schwerfällt. Abschied von einer geliebten Sportart, von einem Beruf, der einem Freude bereitet hatte, von einem geborgenen Zuhause, von dem Teilnehmen am Leben der Kinder, weil man sie täglich sah, oder der Abschied von einem geliebten Menschen. Und genau diese Schwäche wird mir hier jeden Tag abverlangt. Abschied von Menschen nehmen, mit denen man hier so schnell eine enge Bindung aufbaute, weil man 24  Stunden am Tag zusammen war, ein gemeinsames Ziel hatte und man sich nach kürzester Zeit schon die intimsten Sachen anvertraute. Jeden Tag verlangt der Weg von mir, dass ich es schaffe, etwas loszulassen, was ich eigentlich so gerne behalten würde...

Bild aus dem Buch „Denn das hast du getan“



Und deshalb nützte es nichts, wenn ich weg oder sogar weit weg war, denn ich würde es immer mitnehmen. Die Hoffnung lag bei diesem Verblassen oder besser gesagt darin, dass es nicht mehr so weh tun würde. Ich erhoffte mir von dieser Reise, dass ich mich von diesem Schmerz und diesem Gefühl lösen konnte. Die Vergangenheit ruhen lassen konnte und sie nicht mehr täglich meine Gedanken beherrschen und mich zum Weinen bringen würde. Aber ich hatte bereits die Hälfte der Strecke hinter mir und inzwischen weinte ich jeden Tag und der Schmerz wurde immer stärker. Immer tiefer tauchten meine Gedanken in meine Vergangenheit ein und ich hatte das Gefühl, emotional nochmal die letzten fünfundzwanzig Jahre zu durchleben. Jeden Schmerz, jede Enttäuschung, jeden Verlust, jeden Abschied und jeden Schritt, mit dem meine Bedürfnisse nicht mehr beachtet worden waren, kamen an die Oberfläche und ich wusste nicht, wie lange ich noch durchhalten würde. Sowohl körperlich als auch psychisch brachte mich dieser Weg langsam, aber sicher an meine Grenzen. War ich auf dem richtigen Weg und stark genug?

Bild aus dem Buch „Denn das hast du getan“